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In Deutschland sind Satire und Kunst nicht mehr frei, seit ein in Panik geratener Parteivorsitzender Amok läuft

Ziel der parodistischen Angriffe, V .

Meinung /Kommentar: Westerwelles Dekadenz beschädigt nun auch noch den Münchner Starkbieranstich auf dem Nockherberg In Deutschland sind Satire und Kunst nicht mehr frei, seit ein in Panik geratener Parteivorsitzender Amok läuft. München (pdh) - Um die gute Nachricht voranzustellen: Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung will der FDP-Bundesvorsitzende und Bundesaußenminister sowie Vizekanzler Guido Westerwelle künftig den traditionellen Starkbieranstich auf dem Nockherberg boykottieren. Nun hofft man in München, dass Westerwelle Wort hält. Eines hat der erfolglose Bundesnewcomer leider dennoch vollbracht. Der „Bruder Barnabas“ alias Michael Lerchenberg, Fastenprediger des berühmten Starkbieranstichs, hat inzwischen seinen Hut genommen.

Am Münchner Nockherberg am östlichen Isar-Ufer liegt die Paulaner-Brauerei. Stark vereinfacht wird dort seit 1751 während der Fastenzeit oder „Fünften Jahreszeit“ der Salvator-Ausschank zelebriert, heute als „Starkbieranstich“ in Anwesenheit politischer Prominenz feierlich begangen. Das Doppelbockbier weist 7,8 Prozent Alkoholgehalt und eine Stammwürze von 18 Prozent auf. Beim sogenannten „Derblecken“ während der Starkbierprobe liest der Fastenprediger Bruder Barnabas den deutschen und vor allem bayerischen Politikern ungeschminkt die Leviten. Im traditionellen anschließenden „Singspiel“ parodieren exzellente Schauspieler ihre politischen Vorbilder, die fast alle im Saal sitzen und sich mehr oder weniger über sich selbst amüsieren (müssen).

Not amused war Guido Westerwelle in Abwesenheit während der diesjährigen Veranstaltung am vergangenen Mittwoch. Wohlweislich war er ferngeblieben, konnte er doch bereits erahnen, dass er seit seiner unkontrollierten Ausfälle gegen Arbeitslose und ALG-II-Empfänger als Hauptobjekt der derben Satire werde herhalten müssen.

Westerwelle indes hatte seine Hilfstruppen, die gegen den Kabarettisten Lerchenberg alias Bruder Barnabas zu Felde zogen und in seinem Sinne agierten. In seiner satirischen Rede hatte Lerchenberg gesagt, Westerwelle wolle nun alle Hartz IV-Empfänger bei Wasser und Brot in einem Lager in Ostdeutschland sammeln. "Und drumherum ein Stacheldraht, das haben wir schon mal gehabt". Über dem Eingang solle ein Schild aus Eisen stehen mit dem Text: "Leistung muss sich wieder lohnen" in Anspielung auf „Arbeit macht frei“.

O-Ton: ("Alle Hartz-IV-Empfänger sammelt er in den leeren, verblühten Landschaften zwischen Usedom und dem Riesengebirge, drumherum ein großer Stacheldraht - hamma scho moi g'habt. Dann gibt's a Wassersuppn und einen Kanten Brot. Statt Heizkostenzuschuss gibt's von Sarrazins Winterhilfswerk zwei Pullover, und überm Eingang, bewacht von jungliberalen Ichlingen im Gelbhemd, steht in eisernen Letter: 'Leistung muss sich wieder lohnen'.")

Diese Ausführungen riefen den Zentralrat der Juden in Person der in Kürze abtretenden Vorsitzenden Charlotte Knobloch auf den Plan. Mit seinen Äußerungen habe Lerchenberg eine Grenze überschritten, die nicht hinnehmbar sei, meinte Knobloch. Scherze über Konzentrationslager gingen zu weit.

Westerwelle selbst beschwerte sich, dünnhäutig wie selten zuvor, brieflich bei der Brauerei-Geschäftsführung. Der Bayerische Rundfunk reagierte prompt und schnitt vor der Wiederholung der Ausstrahlung am Freitagabend im Bayerischen Fernsehen die kritisierte Passage aus dem Film. Die viel gepriesene künstlerische Freiheit, gerade in der Satire, wich den politischen Zwängen. Dänische Karikaturisten würden die Köpfe über deutsche Befindlichkeiten schütteln.

Auch auf die Paulaner-Brauerei und Michael Lerchenberg wurde der politische Druck innerhalb zweier Tage am Ende zu groß. Sehr wahrscheinlich nur vordergründig wegen der Angriffe auf Guido Westerwelle, auch die bayerischen CSU-Politiker wurden recht rustikal und grobschlächtig aufs Korn genommen. Ihre äußerst dürftigen Leistungen während der vergangenen Jahre und vor allem ihre letzten desaströsen Wahlergebnisse hatten die Protagonisten der Show bewogen, Übervater Franz-Josef Strauß, dargeboten von Helmut Schleich, wieder auferstehen zu lassen.

Dieser trug grandios zum Gelingen der übrigen Schau bei. Als "ernst" und "zornig" bewertete der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude die Rede Lerchenbergs, und es war ihm anzumerken, dass er sich und seine Politikerkollegen von der Schelte direkt getroffen fühlte.

Im Jahr 2007 war Lerchenbergs Vorgänger als „Bruder Barnabas“, der bayerische Kabarettist Django Asül, aus der Figur hinausgemobbt worden, weil seine Rede in Politikerkreisen als zu politisch angesehen worden war. Michael Lerchenberg erklärte am Freitag, er werde die Figur in den Folgejahren nicht mehr geben.

Durch Lerchenbergs Ausscheiden geht auf dem Nockherberg eine Epoche zu Ende. Seit 1984 hatte er mit riesiger Anerkennung Edmund Stoiber parodiert und damit nicht unerheblich zum Erfolg der Traditionsveranstaltung beigetragen.

Lerchenberg griff FDP-Chef Westerwelle noch einmal scharf an. Westerwelle agiere rechts und schüre eine Neiddebatte auf Kosten der Ärmsten der Armen. "Es mag ein paar Sozialschmarotzer geben, aber das ist kein Grund, Millionen Menschen zu diskreditieren. Es gab schon mal Zeiten, da wurden die vermeintlich Arbeitsscheuen weggesperrt", sagte Lerchenberg der Passauer Neuen Presse.

Bleibt die Frage, ob in Zukunft auch die Mainzer Büttenreden zu Karnevalzeiten nur noch nach vorheriger Vorlage beim rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten gehalten werden, Ausstrahlungen nur noch nach Abnahme durch einen Reichsfilminspizient erfolgen dürfen. Im Kölner Karneval wird das Problem nicht virulent, denn persiflierende politische Inhalte tauchen in den dortigen Fastnachtsreden schon lange nicht mehr auf, nur noch Schlüpfriges, Deftiges und Ausführungen „unter der Gürtellinie“.

Genau das hatte Knobloch von Lerchenbergs Bemerkungen gesagt. Vielleicht sollte man den Nockherberg nach Köln verlegen, in das Westerwellsche Heimat-Bundesland. Dort sind Bemerkungen „unter der Gürtellinie“ bei Großveranstaltungen an der Tagesordnung und stehen nicht auf dem Index. Einzige Gefahr: Bei viel Pech kommt der derzeitige Bundesaußenminister dann doch zum Zuschauen. Die Stimmung wäre dahin.

Fotos:
01) Die Vorsitzende des Zentralrats der Juden, Charlotte Knobloch, fand die künstlerische Freiheit überzogen

02) Ziel der parodistischen Angriffe, Vizekanzler Guido Westerwelle

Fotos: © by –pdh-

Das Bild sowie viele weitere sehen Sie hier per Klick!

Nachricht vom 8.3.10 00:04

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Letzte Aktualisierung: Donnerstag, 09. September 2010 - BP tmpl

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